STADTNOMADEN

„Von den Hängen der Berge bis hin zu den Ecken des Viertels ist hier alles Wohnung und ich bin beständig im luxuriösestem Zimmer dieser Wohnung. Dieser Luxus rührt daher, dass der Ort keine anderen Grenzen hat als seinen Teppich von lebhaften Empfindungen und auffälligen Zeichen; nicht mehr die grosse, ununterbrochene Mauer bestimmt den Raum, sondern die Abstraktion von Bildbuchstaben die mich einrahmen.(...) Hier ist kein Raum für ein Möbelstück (bei uns hat das Möbel eine immobile Bestimmung, während in Japan das Haus, das oft umgebaut wird, kaum mehr als ein Möbel ist).“ Roland Barthes „Das Reich der Zeichen“

„In a town where every man’s house is an enlarged bedroom of “non-committal space“ the other interspersed spaces must serve as “family rooms“ (parks), “parlors“ (office buildings), “entryway“ (airports, harbors), and “guest dining rooms“ (restaurants). Everything in Japanese life has given the “bed-room house“ and the “bed town“ a different significance from that of their apparent counterparts in the West.“ Ashihara „The Hidden Order“

„Der Lebensraum des Einzelnen hat sich längst über die Kernfamilie hinaus erweitert und die ursprünglich hermetischen Grenzen zwischen den einzelnen Bereichen sind gezwungenermaßen durchlässiger geworden. Die ursprünglich unauflösbare Einheit des Hauses ist durch ein Beziehungsgeflecht ersetzt worden, das eine Isoliertheit nicht mehr gestattet. (...) Trotz dieser Erkenntnis konstatiert Yamamoto, dass die entsprechenden räumlichen Verhältnisse für die geschilderte Aufweitung des persönlichen Lebensraumes noch nicht existieren. Die Architektur hat sich angesichts dieser Entwicklung verschlossen und ist ein Ort der Isolation geworden.“ Klauser, „Riken Yamamoto“


„Wir können das existierende System flexibler gestalten, indem wir die Architektur, geringfügig nur, von den bestehenden Kategorien abrücken und z.B. versuchen, die bestehende räumliche Isolierung zu unterlaufen, die den gesellschaftlichen Veränderungen nicht mehr genügt. (...) Ein neues System ist aber erst eine Hypothese. Erst wenn auf Basis dieser Hypothese eine Architektur errichtet wird, legitimieren wir das System. Das System ist aber nicht so hart und fest, wie wir glauben. Es ist eigentlich erst die Architektur, durch die sich das System manifestiert. Ich glaube, dass die Schöpfung der Architektur gleichbedeutend ist mit der Aufstellung neuer Hypothesen.“ Yamamoto, „Riken Yamamoto“


Die Verlagerung des Interesses tendiert dazu, die Undurchlässigkeit der Grenzen der Architektur zu beseitigen, um sie schliesslich in einen transparenten Ort – im Gegensatz zu einem Objekt – zu verwandeln, wo sich die Ereignisse ohne Sinn für zeitliche oder pysische Grenzen phantasmagorisch entfalten. Die einzige Gewissheit, die solch eine Architektur mit sich bringt, liegt in der Erfahrung des Ereignisses selbst, das durch die nicht zu messende Flüchtigkeit eines Augenblicks begrenzt wird. Vladimir Krstic

TRADITIONELLE JAPANISCHE ARCHITEKTURELEMENTE

Viele traditionelle Elemente der japanischen Architektur - wie der außenliegende Korridor, Tatamiräume; das yojohan und der stufenweise Übergang zwischen Außen und Innen - gingen im Laufe des letzten Jahrhunderts durch die Amerikanisierung verloren.

Das yojohan (4 ½ Tatami-Raum) ist die Standardeinheit für Wohnraum in Japan und ein konstantes Element in der japanischen Tradition. Das yojohan zeichnet sich durch seine vielfältigen Variationsmöglichkeiten aus. Es kann der Ort für eine vornehme und höchst ästhetische Teezeremonie, ein Esszimmer, ein Wohnzimmer, Schlafzimmer, oder alles in einem sein Diese 4 ½ Tatamis werden als minimaler Wohnraum begriffen.

DER ZWISCHENRAUM

„Der Koch (der überhaupt nichts kocht) nimmt einen lebenden Aal, sticht ihm eine lange Nadel in den Kopf und häutet ihn. Diese kurze, nasse, von einer kleinen Grausamkeit erfüllte Szene endet in einem Spitzenwerk. Der Aal (das Stückchen Gemüse oder Schalentier), der in der Pfanne kristallisiert wie ein Salzburger Kreppel, reduziert sich auf einen kleinen Block Leere, auf eine Ansammlung von Licht: Die Speise findet hier mit dem Traum eines Paradoxes zusammen: dem eines Gegenstandes, der reiner Zwischenraum ist und der um so provokativer wirkt, als diese Leere eigens dazu hergestellt ist, damit man sich von ihr ernährt.
Die Tempura ist frei von jener Bedeutung, die wir gewöhnlich dem Gebratenen beilegen: der Schwere. Das Mehl findet hier zu seinem Wesen, der verstreuten Blume, zurück; es ist so fein verteilt, dass es wie Milch wirkt und nicht länger als Brei erscheint. Vom Öl ergriffen, ist diese goldene Milch von so geringer Dichte, dass sie die Speisestückchen nur unvollkommen über-zieht und das Rosa einer Garnele, das Grün der Pefferschote oder das Braun der Aubergine duchscheinen lässt. So nimmt man dem Gebratenen, was für unser Pfannengebackenes charakteristisch ist: die Kruste, die Hülle, die Festigkeit.
Manchmal besteht ein Tempura-Stück aus mehreren Etagen: Der Backkranz umgibt eine Pfefferschote, die ihrerseits mit Muschelfleisch gefüllt ist. Wesentlich ist, das die Speisen aus Stücken, aus Fragmenten besteht, und zwar nicht allein aufgrund ihrer Vorbereitung, sondern auch vor allem, weil sie in einen Stoff eingetaucht werden, der so flüssig wie Wasser und so kohäsiv wie Fett ist und aus dem ein fertiges, gesondertes, und dennoch überhaupt nicht kompaktes Stück hervortaucht; doch die Umhüllung ist so leicht, dass sie schon abstrakt wirkt: die Speise hat zur Hülle allein die Zeit, die ihr die Festigkeit verleiht. Sie ist die Speise einer anderen Zeit: einer Meditation über jenes etwas, das wir mangels besserer Möglichkeiten auf seiten des Leichten, Luftigen, Augenblickbezogenen, des Zerbrechlichen, des Frischen und des Nichts ansiedeln, dessen wahrer Name jedoch der Zwischenraum ohne klare Grenzen oder auch das leere Zeichen wäre.“ Barthes „Das Reich der Zeichen“

„Die Beziehung architektonischer Körper untereinander bleibt als Eindruck oft unbestimmt und findet nicht als Form, sondern als Anordnung oder Überlagerung statt. (...) Überrascht hat mich die Entdeckung von ‘Zwischenraum‘ und es ging mir damit wie mit einem Vixierbild: Wenn die versteckte Figur einmal gefunden ist, bleibt sie bestimmend. Zwischenraum ist die ephemere Konstante japanischer Architektur und vielleicht der gesamten Ästhetik Japans: ob als Terrassen, die zum Garten überleiten, ob als Bereiche zwischen Wänden, als transitorische Formen der Wege und Schwellen. Wie in Japans Sprache missfällt Unmittelbarkeit auch in der Architektur dem Gefühl, und Funktionen oder Fakten stoßen nie unvermittelt aufeinander: Zwischenräume verbinden, formlos, ohne Funktion und voll von Möglichkeiten. Sie sind erlebbare Übergänge. (...) Die Wohnhäuser der jüngsten Generation japanischer Architekten sind purer Zwischenraum. In den Agglomerationen von Osaka und Tokyo gibt es keine Ressourcen unbebauter Flächen. Minihäuser zeigen unmögliche Möglichkeiten, sie sind das Paradigma der Enge des Raumes. (...) Ihre Entwürfe sind nicht abstrakt, sondern thematisieren als eine Art Hyper-Realismus ihre Umgebung. Dabei vernähen sie die Gegensätze, die sie umgeben. Das Aura-Haus von F.O.B.A. ist absoluter Zwischenraum, der nur von einer dünnen Lichthaut umhüllt ist. (...) Die Freiheit liegen nicht in den Möglichkeiten der Organisation und Konstruktion, sondern in den Möglichkeiten der Orientierung. (...) Auch innen sind die Häuser radikaler Zwischenraum. Alles ist “uchi“, das heißt “Haus“ und “innen“. Offene Bereiche, Ebenen oder Boxen, gleichzeitig “Funktion“ und “Erschließung“, sind durch transparente Treppen miteinander verbunden. Statt dass Flure die Beziehung der Bewohner strategisch steuern, wird sie mit Durchblicken und Öffnungen gefiltert. Unschärfe ist –paradoxerweise- ihr sinnliches Merkmal. Tamaki thematisiert im Rappa-Haus den Zwischenraum zwischen Schichten der Umhüllung, die schließlich auch weggelassen werden können. Okuyama, der das Haus als gigantisches Möbel bezeichnet (und nicht als Kleine Stadt, wie die westlichen Architekten), sieht es als beweglichen Schrank, praktisch und leer, ohne weitere Gradienten der Isolierung. Nicht nur die japanische Art zu Wohnen – ohne Möbel und ohne Strassenschuhe- sondern auch die taktilen Flächen der Elemente lassen die Häuser viel grösser wirken als sie tatsächlich sind. (...) Als „Container zum Wohnen“ drücken die kleinen Häuser einen weiteren Aspekt von Zwischenraum aus. Es sind Strukturen auf Zeit, die sich an den Lebenszyklus ihrer Bewohner anpassen, Häuser mit Verfalldatum, was Konstruktion und Kosten betrifft. (...) Worte wie “öffentlich“ oder “privat“ haben in Japan eine andere Bedeutung, und es kommt mir so vor, als wären sie europäische Hypothesen. Sind nicht einerseits unser Bedürfnis, Individualität zu artikulieren, und andererseits der Wunsch nach Perfektion bis zur Distanziertheit zwei Seiten derselben Sache? Wenn die westliche Weltdauernd die Einzigartigkeit ihrer Mitglieder betont, verliert sie nicht allmählich ihre Kontaktfähigkeit? Ich meine, dass diese Häuser in dieser Hinsicht den Text der modernen Architektur um einen neuen Aspekt erweitern: Zwischenraum als Moment der Berührung. Rössler „Minihäuser Japan“

„Die Schönheit liegt im Verborgenen; sie ist das Geheimnis der kontingenten Spuren und ihrer sammelnden Aneignung. Das weite Feld der Einzelerfahrungen steht hinter seiner Vision des multi-layered look. Was die Arbeit Yamamotos technisch auszeichnet, verdankt sich Recherchen zum Zusammenhang von Kleid und Körper, einem aus europäischem Blickwinkel unglaublichem Raumgefühl. (...) Später werden die in diesen sehr komplizierten Konstruktionen erreichten Ergebnisse fast unsichtbar in scheinbar einfachere Kleider eingearbeitet. (...) Yamamotos rotes Kleid ist leicht durchscheinend und ganz matt, was die Lichtqualität des Rot heraushebt. Der Stoff doppelt den Körper, indem ihn leicht versetzt. Anstatt im Fluss der Linien zu einer Bewegung harmoniert zu werden, entsteht eine Differenz zwischen Kleid und Körper. Hier kommt es nicht darauf an, das Körper und Kleid eins werden, sondern einen Zwischenraum zwischen dem dreidimensionalen Kleiderkörper und dem bekleideten Körper zu schaffen. Zu diesem Zweck hat Yamamoto den Stoff so geschnitten, dass sich die Kraftfelder der einzelnen Stoffbahnen blockieren – wie Vektoren, die sich nicht in schwungvollerem fallen nach unten addieren, sondern schief aufeinanderprallen und voneinander abstoßen. (...) Das Eingenähte wird nach Außen gekehrt zum Schmuck. Denn durch den dünnen Stoff schimmern die Abnäher, in denen der Stoff doppelt liegt, wie ein Muster durch.“ Vinken, „Mode nach der Mode

WA + YO

Die japanische Gesellschaft hat zwei Gesichter: Das Erste ist die traditonelle Kultur (wa = östlich) und das Andere ist die fremde Kultur, die heute aus dem Westen kommt (yo = westlich). ‘wa + yo‘ werden im japanischen Alltag, in der Kleidung, im Essen und in den Wohnungen kombiniert und vereinigt.‘wa + yo‘ sind eines der Gründe für Tokyos Flexibilität und Vielschichtigkeit. Die Stadt ist nicht auf bestimmte Werte fixiert, sondern bietet immer Alternativen an.